Der Unterschied zwischen einem Selbst zu haben und eines zu brauchen
Wir verwenden das Wort „Selbst“ oft so, als würde es nur in eine Richtung weisen. Doch wie wir dieses Selbst ausrichten, macht den entscheidenden Unterschied aus.
Jemand, der egozentrisch ist, betrachtet sich selbst als den wichtigsten Bezugspunkt für fast alles. Seine Bedürfnisse, sein Wohlbefinden, seine Sicht der Dinge. Die Welt ist im Grunde genommen nur Kulisse für seine Geschichte. Das geschieht nicht immer bewusst und entspringt selten einem Gefühl der Selbstsicherheit. Häufiger rührt es von Unsicherheit her, von einem stillen Bedürfnis, ständig Bestätigung zu erhalten, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und etwas zu schützen, das im Innersten zerbrechlich ist.
Ein ausgeglichenes Selbst ist etwas ganz anderes. Es geht darum, ein stabiles inneres Fundament zu haben, ein klares Bewusstsein dafür, wer man ist, welche Werte man schätzt und wofür man steht, sodass man keine Bestätigung von außen braucht, um sich wohlzufühlen. Menschen, die aus einem ausgeglichenen Selbst heraus handeln, können zuhören, ohne das Gespräch wieder auf sich selbst lenken zu müssen. Sie können vom Leid anderer berührt sein, ohne dabei den Halt zu verlieren. Sie können anderer Meinung sein, ohne in die Defensive zu gehen, und zugeben, dass sie Unrecht hatten, ohne sich dabei niedergeschlagen zu fühlen.
Das ist die stille Ironie: Je ausgeglichener wir werden, desto weniger müssen wir über uns selbst nachdenken. In unserem Inneren herrscht genug Ruhe, sodass wir tatsächlich für andere da sein können. Der egozentrische Mensch hingegen kümmert sich ständig um eine Wunde, von der er vielleicht gar nicht weiß, dass sie da ist.
Der Weg zu einem ausgeglichenen Selbst bedeutet nicht, selbstlos im alten, sich selbst aufgebenden Sinne zu werden. Es geht darum, in sich selbst etwas so Festes aufzubauen, dass man die Außenwelt nicht mehr braucht, um diese Aufgabe für einen zu übernehmen.
Es lohnt sich, sich ab und zu zu fragen: Zeichne ich aus einem Mittelpunkt heraus oder umkreise ich einen?