ein guter Weg, neu anzufangen.
Nach jeder größeren körperlichen Anstrengung kommt ein Moment, in dem man aufhört, auf die Wunde zu schauen, und stattdessen sieht, wie sich die Narbe bildet. Das ist stiller als die Verletzung. Weniger dramatisch. Aber irgendwie bedeutungsvoller.
Narben sind keine Misserfolge. Sie sind ein Beweis.
Ein Beweis dafür, dass der Körper seine Arbeit aufnahm. Dass Heilung nicht nur möglich war, sondern tatsächlich stattfand. Dass etwas Schmerzhaftes langsam in etwas Beständiges und Starkes verwandelt wurde. Unsere Körper vergessen nicht, was sie überstanden haben. Sie speichern es.
Vier Tage nach einer heiklen Wirbelsäulenoperation habe ich noch nicht wieder meinen gewohnten Alltag gefunden. Noch nicht mit voller Kraft. Noch nicht. Aber ich bewege mich, vorsichtig und bedächtig, und bin dankbar für jede Kleinigkeit, die mir zeigt, dass der Heilungsprozess in Gang gekommen ist.
In den letzten vier Tagen habe ich etwas gelernt. Stille ist keine verschwendete Zeit. Erholung ist kein Umweg vom Leben. Sie ist eine eigene Form des Lebens, oft ehrlicher als die hektische Version, die ich bisher geführt habe.
Ich kehre nach und nach in den Alltag zurück, mit einem anderen Bewusstsein als zuvor. Ich bewege mich bewusster. Ich schätze die kleinen körperlichen Handlungen, die ich früher für selbstverständlich hielt. Ich bin auch etwas geduldiger mit mir selbst und, wie ich vermute, auch mit anderen.
Die Narbe wird mit der Zeit verblassen. Aber was sie symbolisiert, muss nicht verblassen. Die Widerstandskraft, für die sie steht, der Beweis, dass Körper und Seele heilen können, ist etwas, das ich mitnehme, was auch immer als Nächstes kommt.
Das scheint mir ein guter Neuanfang zu sein.